Kommunikation und Werte – was jetzt wirklich zählt.

Alles auf Null. Halb fertig schaut mich mein Artikel über partikelfilternde Atemschutzmasken an. Über ein Cent-Produkt, das plötzlich Gold wert ist wollte ich schreiben, über ein Königreich für eine Schutzmaske. Über Bedarf, Bedürfnisse, Begehrlichkeiten und explodierende Nachfragen.

Unfertig liest sich der Text, halb gar, mit schalem Beigeschmack. Die Botschaft dahinter ist nach wie vor nicht falsch, aber fühlt sich im Moment deplatziert an. Vieles verschiebt sich gerade. Ich stelle alles auf Null …

Corona
Die Zeit während und nach Corona

Tiefenkrise für mehr Tiefgang?

… und schreibe einen neuen Artikel. Natürlich wird das Einmaleins des guten Textens auch durch Corona nicht außer Kraft gesetzt. Aber ich merke im Netz, in der gesamten öffentlichen Kommunikation, in meinem persönlichen Umfeld und an mir selbst gerade spannende Verschiebungen.


Weniger ich, weniger du. Mehr WIR.

Gute Werbe- und Verkaufstexte nehmen ihr Gegenüber in den Blick: Den Leser, seine Wünsche und seine Vorteile, die ihm bei Inanspruchnahme des angebotenen Produktes oder der angebotenen Dienstleistung winken. Sie wollen, Du brauchst, Sie wünschen.

Gerade erleben wir eine beispiellose Welle an Solidarität, die Bereitschaft dort mit anzupacken, wo Hilfe benötigt wird. Landauf, landab Hilfs-Netzwerke und Unterstützungs-Plattformen ins Leben gerufen, um alle Hilfsangebote besser zu bündeln.

Das Wir zählt.

Beispiel “ Herrenberg hilft“ – gebündelte Unterstützungsangebote in Herrenberg

Herrenberg hilft

Vielleicht nehmen wir das neue „Wir-Gefühl“ mit in die Nach-Corona-Zeit. WIR = Kunde plus Unternehmen, die gemeinsame Sache machen. Zum Beispiel, indem sie dasselbe Wertesystem hochhalten. Ehrlich, ohne Hintergedanken. Sitzen wir nicht alle auf einem Erdball, kommen wir nicht am besten GEMEINSAM über die Runden?


Weniger Selbstbezogenheit. Mehr Achtsamkeit.

Und wenn uns das kollektive Social Distancing dazu bringt, einander wieder mehr wertzuschätzen?

Gestern waren wir wandern, von der Haustüre aus sind wir losgelaufen durch Streuobstwiesen und -hänge bis kurz vor Tübingen. Nicht nur die Landschaft und das Wetter waren wunderbar. Mein Mann und ich fanden, dass die Menschen, die uns begegneten (es waren nicht besonders viele), freundlicher guckten, mehr lächelten, wir selbst vermutlich auch. Wir nahmen einander bewusster wahr. Alle waren sich der Verantwortung für die Entgegenkommenden bewusst, hielten ausreichend Abstand ein, machten auch mal Platz, um dem und der anderen den Vortritt zu lassen.

Frühlingswanderung am Schönbuchrand

Vielleicht retten wir diese gesellschaftliche Grundfreundlichkeit in „bessere Zeiten“ mit hinüber. Mehr aufeinander Acht haben – auch, womit und mit welcher Intention wir Geschäfte machen und konsumieren.

  • Legen wir ein Maximum an Überfluss-Mentalität, Geiz und Profitgier an den Tag – koste es, was es wolle?  Oder
  • Orientieren wir unser Geschäftsgebaren und unseren Konsum an diesen leicht abgeschmackten aber dennoch inhaltsreichen Leitsätzen wie „Weniger ist das neue Mehr“. „Leben und leben lassen“, „Leben ja klar, aber nicht auf Kosten anderer“?

Weniger Angst. Mehr Stärke.

Sicher geglaubte Rahmenbedingungen rutschen in unserem Land gerade weg. Selbstverständlich gehaltene Freiheiten kommen in Schieflage, Menschen geraten von heute auf morgen in existenzielle Nöte. Die Medizin ist unser wichtigstes gesellschaftliches Geländer, und trotzdem haben die Wissenschaftler noch kein Medikament, das uns hilft und schützt. Unser altes Leben entgleitet, viele haben Angst.

  • Angst ist eine heftige und weit verbreitete Emotion. Viele Unternehmen bauen in ihrer Kommunikation auf die Angst. Angst vor Schaden, Angst vor Verlust, Imageverlust, Angst vor Haarausfall, Angst vor Mundgeruch, sozialer Ächtung … Mundwasser, Shampoos, Bankprodukte, Versicherungspolicen sollen dem Käufer die Angst nehmen. Die Strategie dahinter ist vielleicht nicht so schön, aber sie hat Erfolg.

Wo ist die Angst?

Letzten Samstag sprach ich mit einem befreundeten Psychologen, wollte von ihm wissen, ob er viele Corona-Angstpatienten habe. „Nein“, meinte er, „im Gegenteil. Die meisten Patienten können der Zwangspause auch viel Gutes abgewinnen. Weniger Stress, weniger Termine, weniger Verpflichtungen. Sie atmen auf.“

Die Bedrohung wird noch nicht kleiner, aber wir lernen, uns damit zu arrangieren. Wenn wir rausgehen, gehen wir raus in die Natur, viel mehr bleibt uns ja nicht. Bars, Restaurants, Kneipen, Opernhäuser, Fußballstadien sind alles wunderbare Orte, die uns – seien wir ehrlich – aber auch vor Langeweile und Leere schützen.

Jetzt sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, will die Zerstreuung außerhalb der vier Wände fehlt. Es schmerzt, dass uns so viel soziales Leben fehlt, aber — es geht. Ja mehr noch: Viele spüren, dass ihnen manche Aspekte der Entschleunigung sogar gut tun.

Lesen, Sport, Musik, Natur, Garten

Zu Hause: Lesen, Sport, Musik, Natur, Garten [Quelle: Buchhandlung Schäufele Herrenberg}

Wir halten inne, schauen nach innen – und beobachten neben der Angst wachsende Stärke. Klar sind die Zeiten schwierig, aber das sind sie schon wochenlang. Wir arrangieren uns, merken, dass es weitergeht, irgendwie. Wir kommen bei uns selbst an – die überwältigende Mehrheit wohl ganz ohne Psychopharmaka und Psychotherapie (*). Zeit zum Nachdenken, Lesen, Musik hören, den Garten umgraben, Spazierengehen – alles Aktivitäten, die uns erden und stark machen.

Was machen wir mir der heranwachsenden Stärke? Welche Schlüsse ziehen wir aus der Krise? Schmiden Sie und ich neue Pläne?

Viele sagen:

Jetzt erst recht!“

  • Videokonferenzen mit Kunden und Kollegen werden immer normaler
  • Lokale Läden bauen sich online ein zweites Standbein auf – endlich.
  • Projektteams arbeiten vermehrt und effektiver mit Online-Tools
  • Webinare erfahren einen Boom
  • …. was macht Ihr?

Gemeinsam und mit gegenseitiger Hilfe passiert gerade trotz Krise auch viel Mutmachendes um uns herum. Etliches wird nach Corona sein wie vorher, aber nicht alles.  Mehr Wir, mehr Achtsamkeit,  mehr (innere) Stärke  sind drei Werte, bei denen ich hoffe, dass sie auch künftig in der Kommunikation ihren exponierten Platz beibehalten.

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(*) Vermehrte Gewalt in Familien und Einsamkeit sind die traurige Kehrseite der Medaille – hoffentlich bekommen die Betroffenen die Hilfe, die sie dringend brauchen.

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