Bye bye Bedürfnisse!

Warum wir Werbung neu denken müssen.

China treibt Innovationen in erstaunlicher Weise voran. Beispiel E-Mobilität: Schon über 400 Elektroauto-Start-ups verändern die Mobilität des Riesenreiches in einem atemberaubenden Tempo. Und sie sprengen Grenzen. Nicht nur mit ihren innovativen Produkten (HUAWEI hat derzeit weltweit die Nummer zwei bei Smartphones inne), sondern auch mit einer neuen Denkweise: asiatischer Lifestyle, der keine Grenzen für Innovation und Imagination zu kennen scheint, zugleich aber den Gemeinschaftsgedanken sehr pflegt und nach außen transportiert.

„Schon über 400 Elektroauto-Startups in China“ (Foto: Pixabay)

 

WIR HIER: Wie machen wir Werbung heute?

Erst wecken wir mit Konzepten, Worten, Bildern Bedürfnisse, dann stillen wir sie. Das funktioniert so: Der Umworbene spürt einen Mangel. Die Werbung zeigt, dass der Kauf von x den Mangel behebt und die Sehnsucht nach Glück, Erfolg, Schönheit, Gesundheit erfüllt. Das mag „verwerflich“ klingen, ist es manchmal auch. Immer wieder missbrauchen Unternehmen die Werbung zur manipulativen eigenen Gewinnmaximierung, um jeden Preis, ohne jede Moral. Dennoch: Ohne Werbung keine Marktwirtschaft. Wie sonst soll ein Unternehmen bekannt werden, den Umsatz steigern, sich vom Wettbewerb abheben, in Erinnerung bleiben?

Was uns in Europa aufhorchen lässt:

Aus chinesischer Sicht greift unser Verständnis von Werbung viel zu kurz. In einem FOCUS-Artikel neulich las ich ein spannendes Interview mit Natalie Wang – Ehefrau vom Nio-Chef William Li (Nio baut Elektroautos) und Mode-Expertin. Das Ehepaar ist dabei, den Markt für Elektroautos zu erobern. Und „nebenbei“ den Lifestyle einer ganzen Generation neu zu definieren.

Und das nicht „nur“ in China!

„Es ist die Gemeinschaft von ähnlich denkenden Menschen, auf die es in Zukunft in der Werbung ankommen wird.“ (Foto: Pixabay)

 

Nicht nur die Chinesen denken Werbung schon heute neu.

Das Buzzword lautet LIFESTYLE. So sind die NIO-Autos Teil eines sozialen Netzwerks. Klingt beim ersten Hören vielleicht nicht so revolutionär. Sprechen nicht auch deutsche Autobauer von ihren PKWs als Smartphones auf Rädern? Doch deutschen Autoentwicklern fehle die Leichtigkeit, so der FOCUS-Artikel weiter, denn deren digitalen Dienste würden sich im Wesentlichen auf Anwendungen rund ums Auto beschränken. „Einem Kunden einfach nur ein Kochrezept, den Zugang zu einem angesagten Stammtisch oder einen netten Spruch des Tages anzubieten – das ist unter der Würde der meisten deutschen Autoentwickler.“

Wer sich aber in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter eingebunden fühlt, ist eher bereit, Geld, viel Geld auszugeben. Sogar für sehr teure Produkte, die noch nicht mal voll ausgereift sind. Tesla fährt mit diesem neuen Ansatz seine Kunden ein. Die Fangemeinde sieht dem Unternehmen lange Lieferzeiten und technische Pannen nach und kauft diese amerikanischen Autos trotzdem. Die Community tauscht sich fleißig über die Tesla-Lifestyle-App aus, und Tesla gibt Tipps über alles, was die Fans interessieren könnte. Ab Januar kommt eine Fanzeitschrift dazu, das T-Magazin: Fans erhalten Inputs rund um E-Mobilität, aber auch zu erneuerbaren Energien und zur Energiewende. Dazu exklusive Geschichten, Fahr- und Reiseberichte, Beiträge von „E-Mobilitäts-Praktikern für E-Mobilitäts-Praktiker“.

 

Gemeinschaft
„Du und ich, wir liegen auf derselben Wellenlänge“ (Foto: Pixabay)

Bye bye Bedürfnisse?

Wohl wird es in Zukunft immer weniger um die Bedürfnisfrage gehen. Vielmehr wird sich die Wirtschaft immer mehr um den gesamten Menschen drehen. „Du und ich, wir liegen auf einer Wellenlänge – deswegen sollten wir gemeinsam Geschäfte machen“, so Natalie Wang in ihrem Interview. Um in dem Autobeispiel zu bleiben: Es ist nicht so wichtig, dass jemand ein Auto braucht und dieses ihm verkauft wird. Wichtiger ist: Du bist jemand, der Innovationen mitträgt, der nachhaltig leben möchte … Weil wir verkörpern dieselben Werte, selbst wenn du dir gerade kein Auto von uns kaufen kannst oder willst.

Es ist die Gemeinschaft von ähnlich denkenden Menschen, auf die es in Zukunft in der Werbung ankommen wird. Menschen, die gleich ticken, die dasselbe Wertesystem haben und sich darüber mit Gleichgesinnten austauschen wollen – zusammengebracht von Unternehmen, die auf derselben Wellenlänge unterwegs sind und die innerhalb dieser Community quasi „nebenbei“ auch noch Geschäfte machen.

2 Responses

  1. Ulrike Pfarre
    | Antworten

    Was für ein toller Beitrag! Leider bestätigt er auch, wie weit wir hier in Deutschland auf so vielen Gebieten zurückhängen. In der Werbung waren wir – glaube ich – noch nie die großen Vorreiter.

    Ein Zeichen für diesen Trend zur Community als Marketinginstrument sehe ich bei vielen amerikanischen und kanadischen Solo-Unternehmer*innen: Sie setzen für Ihr Marketing voll auf Gruppen, z.B. in Facebook. Einige Deutsche machen das auch. Damit mein ich nicht nur die öffentlichen, sondern vor allem auch die Gruppen, die nur für Kunden erreichbar sind. Das zeigt auch den Vorteil, den hier die „Kleinen“ noch ausspielen können. Nicht mehr nur Netzwerken, sondern wirklich verbinden und füreinander da sein. Ich finde das eine großartige Entwicklung.

    • Esther Nestle
      | Antworten

      Danke Ulrike! Stellt sich die Frage, inwieweit wir als Profitexter-Netzwerk da als „Trendsetter“ in die Offensive gehen können. Unser Netzwerk öffnen und zur Community dergestalt umbauen, dass Kunden, Wegbegleiter aber auch Wegelagerer nicht wie bisher auf der kommunikativen Einbahnstraße Wissen (anonym) abgreifen. Vielmehr eine Plattform für beidseitige Partizipation aufbauen, auf der sich jeder einbringen kann. Wie so viele agieren wir von „von oben nach unten“. Wollen unsere Leserschaft belehren. Das bremst jede echte Kommunikation aus. Gerade wir als bereits bestehendes Netzwerk sollten da einen neuen, zeitgemäßen Ansatz diskutieren.
      Restriktive Argumente wie vor allem die fehlende Zeit zunächst hintenan stellen.

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