Blöder Black Friday – aber leider auch genial.

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Was haben Black Friday und diese schreckliche Check 24 – Familie gemeinsam?

Sie gehen mir – und nicht nur mir – gehörig auf den Senkel, gleichzeitig trotzen mir beide auch Bewunderung ab.

Neulich stolperte ich über diesen herrlichen Tweet von Frau1: „Ich habe etwas über CHECK24 bestellt und hab jetzt etwas Angst, dass das Paket von der CHECK24-Familie geliefert wird.

Ha! Und der „böse“ schwarze Friday-Man wirft die BF-Kartonberge die nächsten Tage durch Deutschlands Haustüren.

Blöder Black Friday ist blöd

Das Konzept ist einfach:

  • Erst die Schnäppchenjäger heiß machen und sie dann zum Bulimie-Shoppen verführen, also vermeintlich billiges Zeug zuhauf in die Warenkörbe schmeißen.
  • Was die Jäger nach getaner Hatz und erfolgtem Kartonwurf durch den bösen BF-Mann doch nicht brauchen, horten sie und stopfen es in die überquellenden Schrankecken, in die Kellernischen oder ohne Umschweife gleich in den Alte-Kleider-Sack.

Bis vor einigen Jahren stand Black Friday (im englischen Sprachraum Black Thursday) als Synonym für den Tag des Börsencrashs in New York 1929. Die Kurse krachten ein, und somit war am Ende der Konsumkette für den Verbraucher Schluss mit kauflustig.

Das hier heute ist das krasse Gegenteil. Ein Coup der US-Marketingstrategen, der die New Yorker Skyline weiter und weiter gen Himmel wachsen lässt.

Blöder Black Friday ist leider genial

Was haben sich die Amistrategen bloß dabei gedacht? Tja, eine ganze Menge.

Kräftige Rabatte locken

„Geiz ist geil und wir sind doch nicht blöd.“

Und so stürzen sie sich auf die virtuellen Wühltische und packen Ware um Ware in ihren niemals überfließenden Warenkorb. Weil alles ist ja soooo billig!

Wirklich? Gestern habe ich im ZDF einem Wirtschaftsguru gelauscht, der rausgefunden haben will, dass die von deutschen Händlern gewährten Rabatte im Schnitt gerade mal schlappe 6 Prozent betragen: Auch die Händler finden Geiz geil und sind doch nicht blöd.

Heißt was?

  • Paar Wochen früher – vor dem kollektiven Kaufrausch – verpassen sie ihren Preisen einen kräftigen Schubs nach oben, um dann
  • paar Wochen später freudestrahlend rote fette Black Friday Rabatte auf ihre Kühlschränke, Spielkonsolen, Pfannen, Thermomixer und WLAN Soundbars zu kleben.

Kein Wunder warnen Verbraucherschützer vor den vielen in die Irre führenden Ramsch-Rabatten. Okay, das gehört der Fairness halber dazu gesagt: Wer als Käufer seine Emotionen bändigt und lange genug beharrlich in der Web-Erde herumgräbt, findet mitunter echte Schnäppchen-Schätzchen. Aber sie sind – sofern man den Marktexperten Glauben schenken kann – die Ausnahme.

Cooler Name lockt

Sommerschlussverkauf klingt ungefähr so sexy wie dreckiger Rolladengurt.

Black dagegen … black sounds beautiful! Black Friday geht wunderbar leicht über die Lippen, klingt irgendwie verwegen, nach dunklem Schlund, den es zu durchqueren gilt, nach Wagnis und Heldentaten auf der Couch, nach

ich setz mich aufs Pferd und galoppiere raus in die Nacht zum Jagen“.

Männer raus mit Euch in die Web-Wildnis, Frauen rein mit Euch ins Shopping-Abenteuerland!

Verknappung lockt

Künstlich kleines Zeitfenster setzen, das machen andere auch.

„Nur noch 5 Stück auf Lager“, „Sonderpreis gilt nur heute“ – wer weiß da schon so genau, wo vor lauter Dauer-Schummelei diese kleinen Button-Sätze schon Schimmel angesetzt hat.

Bei Black Friday ist das Zeitfenster glasklar: Schleuderpreise greifen nach uns an genau diesem einen Freitag im Jahr.

Okay, Verlängerung gewährt bis Cyber-Montag, oder ach, was soll`s – nicht kleckern, besser gleich mit einer vollen Black Week klotzen. Klar, jeder Händler will seine kaufwillige Meute maximal geldbluten sehen. Keine Ahnung, ob dieser zeitliche Longtail auch auf Dauer zieht oder sich abnutzt.

Idealer Zeitpunkt lockt

Upps, nur noch vier Wochen bis Weihnachten! Touché.

Höchste Zeit für Geschenkegedanken. Schenken möchte ich, in erster Linie Freude, und die geht tatsächlich oft auch über den Geldbeutel. Wenn nicht jetzt Geschenke kaufen, wann dann?

Omas Fotokalender und das Buch für das kleine mir am Herzen liegende Mädchen am anderen Deutschland-Ende vielleicht spare ich am Black Friday doch ein wenig Geld, und was noch besser ist – ich hab den Geschenkegedanken aus dem Kopf und kann mich anderen Dingen widmen.

In den USA dreht dieser Zeitpunkt den sprudelnden Geldhahn noch weiter auf. Der Thanksgiving-Feiertag liegt hinter den truthahngesättigten Leuten, ein langes freies Wochenende liegt vor ihnen: Shopping-Timing vom Feinsten, da kann man nicht meckern!

Wir-Gefühl lockt

Die ersten rennen los Richtung virtuellem Wühltisch. Die Masse jagt hinterher, es gibt kein Halten mehr. Gefühlt fast jeder macht mit. Und schielt nach links und rechts, in einem diffusen Gefühlsmix von überschwappendem

  • Wir-Gefühl  „ich fühle mich soft, sweet and warm als Teil dieser einkaufenden Massenbewegung“ und
  • Konkurrenz „DU schnappst mir NICHT das letzte 9,99 €-Haarglätteeisen vor der Nase weg!“ Wir sind Gruppenmenschen, soziale Wesen, wir haken uns unter, lassen einander den Vortritt, gleichzeitig stoßen und schubsen wir uns und gönnen dem Nachbarn nicht die Butter auf dem Brot, und alles das hört im Netz nicht auf.

Bequemlichkeit lockt

Seinen Jagdtrieb vom Sofa aus nachgehen und befriedigen – das hat schon was!

Black Friday-Treibjagden schonen die Muskeln, sie sparen Treibstoff und lästige Vorbereitungen – Schmierstoff auf den Lauf des Jagdgewehrs verteilen ist nicht nötig, nur paar Fingerchen über die saubere (?) Tastatur oder den blitzenden Screen huschen lassen, kein ungemütliches nächtliches auf der Pirsch liegen, stattdessen bequem auf dem weichen Sofa gebettet mit Bierchen oder Sektchen auf jede neue Jagdtrophäe anstoßen.

Die Crux

In USA geht der BF-Umsatzkurve ein wenig die Höhenluft aus, neuerdings fängt sie leise an zu schrumpfen (auf hohem Niveau).

Nicht so in Deutschland. Bei uns wird das BF-Wochenende mit einem neuen Rekord in die Adventszeit gehen: Schaurig-schöne 3,1 Milliarden Euro landeten und landen im WLAN Netz der Händler. Gegenüber 2,5 Milliarden in 2018 eine händlerberauschende Steigerung!

Blöder Black Friday ist blöd. Aber leider genial gemacht.

  1. Martina Roters
    | Antworten

    Und obersuperblöd ist, dass alle, die den Ausdruck „Black Friday“ benutzen, nach derzeitiger Rechtslage eine Abmahnung riskieren, weil eine Firma aus Hongkong sich, wie auch immer – honnit suit qui mal y pense -, es geschafft hat, sich das als Marke eintragen zu lassen. Löschung ist beantragt, aber entschieden ist bisher nichts. Siehe hier: https://www.it-recht-kanzlei.de/markenabmahnung-blackfriday.html

    Und seither tut mir jede Black-Friday-Werbung im E-Mail-Postfach doppelt weh.

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